Projektbeschreibung

Worum handelt es sich beim Niederdeutschen?

In sprachstruktureller Hinsicht gehört das Niederdeutsche (wie auch das Niederländische und das Friesische) zu den nordseegermanischen Sprachen; die niederdeutschen Dialekte unterscheiden sich erheblich von den mittel- und oberdeutschen Dialekten. Die Südgrenze des niederdeutschen Sprachraums verläuft entlang der „Benrather Linie“, einer Sprachgrenze, die bei Benrath, einem heutigen Stadtteil Düsseldorfs, über den Rhein führt und von dort in östlicher Richtung entlang des Mittelgebirgsraums bis Frankfurt/Oder verläuft. Charakteristisch für diesen Raum ist, dass die Verschlusslaute p, t und k hier nicht zu pf/f, s/ss/z/tz und ch verschoben sind, wie es zum Teil im Mitteldeutschen und komplett im Ober- bzw. Hochdeutschen (im Süden Deutschlands) etwa seit dem 8. Jahrhundert der Fall ist (Zweite Lautverschiebung). So heißt es auf Niederdeutsch etwa Ik eet den Appel statt Ich esse den Apfel. 

Vertreten ist das Niederdeutsche in den folgenden neun deutschen Bundesländern: Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein sowie (jeweils nur im Norden) in Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt. Innerhalb dieses Gebietes lassen sich zahlreiche kleinräumige Dialekte des Niederdeutschen differenzieren. Zudem finden sich auch in den Vereinigten Staaten, Mexiko, Brasilien, Paraguay, Russland, Kasachstan und in anderen Ländern niederdeutsche Sprachinseln. 

Die Bundesrepublik Deutschland hat mit der Unterzeichnung der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ das Niederdeutsche als Regionalsprache anerkannt; das Gesetz trat 1999 in Kraft. In diesem international verbindlichen Abkommen hat sich Deutschland dazu verpflichtet, das Niederdeutsche neben den Minderheitensprachen Dänisch, Friesisch, Sorbisch und Romanes zu schützen und zu fördern. 

Die Regionalsprache Niederdeutsch unterlag in den vergangenen Jahren starken Einflüssen. Zum einen konnte man seit den 1950er und 1960er Jahren einen durchgreifenden Sprachwechsel in den Familien beobachten. Das Niederdeutsche wurde als Alltagssprache durch das Hochdeutsche ersetzt. Erst die 1990er Jahre brachten mit den öffentlichen Diskussionen um die Aufnahme des Niederdeutschen in die europäische Sprachencharta ein Umdenken: Man besann sich auf den kulturellen Wert der Regionalsprache, die nun nicht mehr als rückständig und grob wahrgenommen wurde, sondern der Attribute wie Nähe und Wohlklang zugeschrieben wurden. Nach dem Jahr 2000 schließlich setzen vor allem in Kindergärten und Schulen, aber auch im Kinder- und Jugendtheater und in der Musik Aktivitäten ein, die auf den Spracherwerb abzielen und gleichzeitig den Zugang zum Niederdeutschen erleichtern. Auch sind sie darauf angelegt, das Image des Niederdeutschen zu verbessern. 

Vor diesem Hintergrund war im Vorfeld der aktuellen Studie aus dem Sommer 2016 unklar, welche Daten im Vergleich mit früheren Umfragen erwartbar waren. Mit der Erhebung liegt nun eine aktuelle und detaillierte Bestandsaufnahme einer dynamischen Sprachlandschaft vor.

Wie wurde die Erhebung durchgeführt?

Welche Einstellungen bringen die Menschen, die in Norddeutschland leben, heute dem Plattdeutschen entgegen, wie viele von ihnen beherrschen die Sprache aktiv oder verstehen sie zumindest und wer nutzt wie häufig kulturelle Angebote zum Plattdeutschen? Diese und weitere Fragen gehören zum Fragenkatalog der Erhebung, die in diesem Jahr vom Institut für niederdeutsche Sprache (INS) in Kooperation mit dem Institut für Deutsche Sprache (IDS) durchgeführt wurde. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) hat dieses Projekt gefördert. 

Die Umfrage ist eine Fortschreibung zweier Umfragen zu diesem Themenkomplex aus den Jahren 1984 und 2007. Durch die Übernahme von Fragekomplexen aus den vorherigen Erhebungen lassen sich mögliche Entwicklungen und Tendenzen aufzeigen. 

Die diesjährige Erhebung wurde von der Forschungsgruppe Wahlen (Mannheim) als repräsentative Telefonumfrage durchgeführt. Insgesamt wurden 1632 Personen aus den folgenden Bundesländern befragt: Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein sowie Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt (ausgewählte Regionen). 

Ziel war es, detailliertes Wissen über die Verbreitung des Niederdeutschen wie auch über die Einstellungen der Bürger gegenüber dieser Regionalsprache zu erhalten. Auf dieser Basis lässt sich die Sprache besser fördern und effektive Sprachpolitik im Sinne der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ betreiben. Auch ein seriöser öffentlicher Diskurs über die Situation des Plattdeutschen ist nur auf der Basis aktueller Daten möglich.

Das Erhebungsgebiet

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